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Diskussion beendet? Neue Studie zu Langzeit-Fütterungsversuchen

“Hiermit ist aus unserer Sicht die Debatte über Gesundheitseffekte von GVO beendet”. Diese Aussage der Hauptautorin Agnès Ricroch gilt einer neu erschienenen Review-Studie über Langzeit- und Mehrgenerationen-Fütterungsversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen (Snell et al. 2012).

Die Analyse basiert auf der Auswertung von 12 Langzeit- sowie 12 Mehrgenerationenstudien. Daneben werden acht 90-Tage-Studien zu gleichen oder ähnlichen gentechnisch veränderten Linien bewertet. Ein Vergleich mit diesen Kurzstudien soll zeigen, ob die längeren und aufwändigeren Untersuchungen zusätzliche Erkenntnisse bringen. Die zentralen Schlussfolgerungen des französischen Autorenteams:

1. In keiner Studie konnten Gesundheitseffekte bei der Verfütterung von gentechnisch veränderten Pflanzen wie Mais, Reis, Soja oder Kartoffeln festgestellt werden.
2. Gentechnisch veränderte Pflanzen sind in der Verfütterung äquivalent zu nicht-transgenen Ausgangssorten und können sicher verwendet werden.
3. Langzeit- und Mehrgenerationenstudien bringen im Vergleich zu 90-Tage-Tests keine zusätzlichen Erkenntnisse über die Sicherheit von transgenen Pflanzen.

Liest man die Arbeit jedoch aufmerksam, scheinen diese weit reichenden Schlussfolgerungen nur bedingt von Ergebnissen und Qualität der herangezogenen Studien gedeckt.

90-Tage-Studien

Die Autoren werten zunächst die Ergebnisse von acht 90-Tage-Studien aus. Demnach fanden sich bei der Verfütterung von gentechnisch verändertem Mais, Reis und Sojabohnen keine Anhaltspunkte für schädliche Wirkungen. Die französischen Forscher weisen jedoch nicht darauf hin, dass es sich bei fünf der acht zitierten Studien um Untersuchungen der Industrie handelt. Lediglich zwei Studien mit gentechnisch verändertem Reis und eine Studie mit transgener Soja wurden von staatlichen Institutionen durchgeführt. Darüber hinaus finden sich selbst in Industriestudien signifikante Ergebnisse, die auf mögliche Gesundheitseffekte hindeuten. So traten in einer Studie der US-Konzerne DuPont/Pioneer und Dow zur Maislinie TC1507 (Mackenzie et al. 2007) bei unterschiedlichen Fütterungsgruppen z.B. abweichende Werte bei Leberenzymen, verkleinerte Nieren, eine Abnahme der roten Blutkörperchen, ein verringerter Hämatokritwert, sowie ein geringerer Anteil bestimmter weißer Blutkörperchen auf (Dona & Arvanitoyannis, 2009). Die Abweichungen werden von Mackenzie et al. jedoch nicht diskutiert. Die Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA bezeichnet sie als “biologisch nicht signifikant”.

Was ist “biologisch signifikant”?

Die Bewertung von Abweichungen bei der Analyse gesundheitlicher Parameter hängt entscheidend davon ab, ab wann statistisch signifikante Veränderungen als “biologisch signifikante” gesundheitsrelevante Effekte gelten. Hierfür existieren keine klaren Kriterien, Bewertungen sind daher abhängig von Voreinstellungen und mit dem Makel der Willkür behaftet. In vielen der aufgeführten Untersuchungen wurde eine Reihe von auffälligen Veränderungen der analysierten Parameter festgestellt. Snell et al. erklären diese Abweichungen allerdings als biologisch irrelevant.

Doppelte Standards

Es zeigt sich zudem recht unzweideutig, dass die Autoren Studien, die ihre eigenen Schlussfolgerungen unterstützen, deutlich unkritischer bewerten als Untersuchungen, deren Ergebnisse Fragen aufwerfen. So werden die Studien der italienischen Forschergruppe um Dr. Malatesta einer ausführlichen Kritik unterzogen. Die italienischen Wissenschaftler, die allein für fünf der insgesamt 12 bewerteten Langzeituntersuchungen verantwortlich zeichnen, hatten bei der Verfütterung von gentechnisch veränderter Soja an Mäuse (über einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren) unter anderem signifikante Veränderungen von Leberzellen gefunden.
Dagegen werden die Mehrgenerationenversuche von Brake und Evenson (2004), die keinerlei Hinweise auf Unterschiede zwischen gentechnisch veränderter und gentechnikfreier Soja fanden, von dem französischen Autorenteam unkommentiert übernommen, obwohl diese Studie ebenfalls gravierende Mängel aufweist (keine Fütterungsprotokolle, keine Gewichtsmessungen, keine Informationen über Futteraufnahme und Wachstum, etc.).
Ähnlich einseitig: Während signifikante Befunde in Studien unter Hinweis auf die mangelnde “biologische Signifikanz” für irrelevant erklärt werden, werden die Ergebnisse von Untersuchungen, in denen teils deutlich weniger als zehn Versuchstiere pro Gruppe verwendet wurden (und die aus statistischer Sicht so gut wie wertlos sind), kritiklos wiedergegeben, wenn sie der Meinung der Autoren entsprechen.

Grundlegende Schwächen

Auf eine grundlegende Schwäche fast aller Untersuchungen weisen die Autoren zwar im tabellarischen Teil der Arbeit hin. In fast keiner der 24 diskutierten Studien wurde das einzig wirklich aussagekräftige Vergleichsmaterial für die Fütterung der Tiere herangezogen, nämlich die gentechnisch unveränderten Ausgangssorte. Dieser gravierende Mangel findet sich bei 9 von 12 Mehrgenerationenstudien und 9 von 12 Langzeitstudien. Offenbar ist dies dem Faktum geschuldet, dass öffentliche Institutionen, die ihre Studien nicht in Kooperation mit den Herstellerfirmen durchführen, keinen Zugang zu den gentechnikfreien Ausgangslinien der jeweiligen transgenen Pflanzen erhalten. Dass Snell et al. auf der Grundlage dieser gravierenden Mängel zu dem klaren Ergebnis kommen, dass die Diskussion über mögliche gesundheitliche Auswirkungen transgener Pflanzen beendet sei, lässt an der Unvoreingenommenheit der Autoren deutlich zweifeln. Dies umso mehr, als in der Studie nur eine sehr geringe Auswahl gentechnisch veränderter Pflanzen ausgewertet wird:

  • bei den Langzeitstudien eine Studie zu Monsantos Bt-Mais MON810, zehn Studien zu herbizidtoleranter Soja sowie eine zu einer experimentelle Bt-Reislinie,
  • bei den Mehrgenerationenstudien sechs Untersuchungen zu Bt-Mais (zwei zu Event Bt11, zwei zu Event Bt176 und zwei zu nicht genannten Bt-Events), eine zu einer experimentellen Kartoffellinie, drei Untersuchungen zu herbizidtoleranter Soja und zwei Untersuchungen zu einer experimentellen Triticale-Linie.


Der Vorhang zu, und alle Fragen offen

Es bleibt festzuhalten, dass mit der Studie von Snell et al. nicht das letzte Wort über die Sicherheit gentechnisch veränderter Pflanzen für Mensch und Tier gesprochen ist. Warum das Autorenteam, das im Jahr 2010 bereits das Anbauverbot für MON810-Mais in Deutschland harsch kritisiert hatte, angesichts der mageren Datenlage und der nicht zu übersehenden Mängel der bisher durchgeführten Untersuchungen derart weit reichende Schlussfolgerungen ziehen, bleibt unklar.
Dass man auf der Basis ähnlicher Quellen zu einer ganz anderen Bewertung kommen kann, zeigt ein Artikel, der nur wenige Monate zuvor veröffentlicht worden war. Darin bezeichnen Wan & Shi (2011) weitere Langzeit- und Mehrgenerationen als absolut notwendig, da viele der bisherigen Studien umstritten und wichtige Fragen bis heute unbeantwortet seien.

 

Quellen

Brake, D.G. & Evenson, D.P. (2004) A Generational Study of Glyphosate-Tolerant Soybeans on Mouse Fetal, Postnatal, Pubertal and Adult Testicular Development. Food Chemistry and Toxicology, 42: 29-36.

Dona, A. & Arvanitoyannis I. S. (2009) Health Risks of Genetically Modified Foods. Critical Reviews in Food Science and Nutrition, 49: 164–175.

MacKenzie, S. A., Lamb, I., Schmidt, J., Deege, L., Morrisey, M. J., Harper, M., Layton, R. J., Prochaska, L. M., Sanders, C., Locke, M., Mattsson, J. L., Fuentes, A., and Delaney, B. (2007) Thirteen week feeding study with transgenic maize grain containing event DAS-Ø15Ø7-1 in Sprague–Dawley rats. Food and Chemical Toxicology, 45: 551–562.

Snell, C., Bernheim, A., Bergé, J.-P., Kuntz, M., Pascal, G., Paris, A., Ricroch, A. (2012) Assessment of the health impact of GM plant diets in long-term and multigenerational animal feeding trials: A literature review. Food and Chemical Toxicology, 50, 3–4: 1134-1148.

Zhang, W. & Shi, F. (2011) Do genetically modified crops affect animal reproduction? A review of the ongoing debate. Animal, 5: 1048-1059.

 

Foto: sxc.hu / Mateusz Żdanko

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